Touren geführt von Obdachlosen

20. April 2017

In Wien bietet das Social Business Shades Tours Stadtführungen der etwas anderen Art an. Wie der Name verrät, werden auf den Touren die Schattenseiten Wiens entdeckt, konkret die verschiedenen Schattierungen der Obdachlosigkeit. Abseits von Wiens schillernden Palästen geben Personen, die selbst von Obdachlosigkeit betroffen waren oder immer noch sind, Einblick in das Leben von wohnungslosen Personen in der österreichischen Hauptstadt. Je nach Guide sind die Touren mehr oder weniger am persönlichen Schicksal der Betroffenen ausgerichtet.

Im März 2017 testete Mondial Congress die Shades Tours im Rahmen eines Mitarbeiterevents. Dort lernen wir zunächst unsere Guides kennen, die so überhaupt nicht dem Bild von Obdachlosen entsprechen wollen, das sich in unseren Köpfen festgesetzt hat. Wortgewandt und humorvoll führten sie uns zielsicher durch Wiens verwinkelte Gassen und beeindrucken mit Zahlen und Fakten zur Obdachlosigkeit. Was ist Obdachlosigkeit überhaupt? Wie viele Obdachlose gibt es? Wie viele Notschlafstellen stehen zur Verfügung? Gemeinsam wird dann diskutiert, welche Arten von Obdachlosigkeit wir kennen, welches die Hauptgründe dafür sind und wie man der Obdachlosigkeit wieder entfliehen kann. Erstaunt stellen wir fest, dass sich ein hoher Prozentsatz der Obdachlosigkeit tatsächlich im Verborgenen abspielt, denn in Wien muss zumindest im Winter niemand im Freien schlafen. In den kalten Monaten stehen theoretisch genügend Notschlafstellen zur Verfügung. Weiters gelten auch Personen als obdachlos, die beispielsweise vorübergehend in betreuten Wohngemeinschaften leben oder Beziehungen eingehen, um ein Dach über dem Kopf zu haben – eine Notlösung, auf die vor allem Frauen zurückgreifen.

Unser Treffpunkt liegt mitten in Wiens touristischstem Bezirk. Anstatt historischer Fakten über Stephansdom und Hofburg lernen wir aber eine Parallelwelt kennen, die Rücken an Rücken mit Wiens poliertem Image existiert, aber zuvor keinem von uns so richtig aufgefallen war. Die wenigsten von uns wussten zum Beispiel, dass gegenüber der österreichischen Akademie der Wissenschaften, in der wir regelmäßig Kongresse abhalten, ein gemeinnützig geführtes Café Beschäftigungsmöglichkeiten für Obdachlose bietet; oder dass in der Franziskanerkirche, vor der Touristen im Minutentakt Selfies schießen, täglich kostenlos Mittagessen ausgegeben wird. Wir lassen die schmucken Stadtpalais links liegen; stattdessen machen wir vor Gemeindebauten halt, die im vergangenen Jahrhundert durch staatlich geförderten Wohnraum einiges an Elend in der Hauptstadt lindern konnten. Obdachlosen bleibt der Zugang zu diesem Wohnraum jedoch oft verwehrt, denn um eine Gemeindewohnung beantragen zu können, muss man mindestens zwei Jahre lang an derselben Adresse gemeldet sein – für Obdachlose fast schon eine Verhöhnung. Welche Strategien entwickelt wurden, um diese Systemlücken zu schließen erfahren wir im Anschluss. Außerdem lernen wir, wie man als obdachlose Person trotzdem ein Konto eröffnen, medizinische Behandlung erhalten oder seine Post abholen kann.

So bestürzend viele der Geschichten, die wir hören, sind, es gibt auch gute Nachrichten: 90% der von Obdachlosigkeit betroffenen Personen in Wien finden früher oder später wieder eine fixe Bleibe. Projekte wie Shades Tours sind nicht unwesentlich beteiligt an diesem Erfolg. Wie angekündigt, schaffen die Touren Beschäftigungsmöglichkeiten für Betroffene, klären gleichzeitig die Teilnehmer über das Wiener Sozialsystem auf und kommen ohne Voyeurismus aus. Nach der Tour wissen wir: Obdachlosigkeit kann jeden treffen und nur durch gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt bekämpft werden.

Die Shades Tours gibt es auch auf Englisch. Kollaborationsprojekte mit anderen europäischen Hauptstädten sind in Planung.